Zählen und sagen

Numerisches und diskursives Wissen im Mittelalter

Im Zentrum meiner Dissertation steht die historisch konstitutive Verbindung von zählen und sagen im Wort zeln. Die Untersuchung, die am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik an der Humboldt Universität Berlin entstanden ist, widmet sich dem numerischen Wissens im Mittelalter unter dem Gesichtspunkt seiner diskursiven Bedingtheit (Zählen, 2011)

Anstelle der älteren Diskussion um Zahlensymbolik und Zahlenkomposition geht es mir um eine grundsätzlichere epistemologische Bestimmung des Verhältnisses von numerischem und diskursivem Wissen. Dafür, dass sowohl zählen als auch sagen im Mittelhochdeutschen mit zeln ausgedrückt werden, aber auch für die Ausdifferenzierung des Konzepts von zeln in die neuhochdeutschen Wörter zählen, sagen und erzählen habe ich in dem Projekt einen umfassenden Deutungsrahmen entwickelt.
Schwerpunkte des Projekts sind zum einen historisch-semantische Studien zum (Er)zählen. Diese werden zum anderen verknüpft mit Studien zu Notationen am Rand der Literalität, insbesondere eine Aufarbeitung der Kerbholzüberlieferung und eine schriftgeschichtliche Deutung der Kerbzeichen. In einem Themenband werden ferner die Thesen der Dissertation in Bezug auf die mittelalterliche Manuskriptüberlieferung geprüft und ausgearbeitet (Was zählt, 2012). Im Zentrum steht insgesamt die Überwindung des überholten Gegensatzes von ‘historischer Zahlensymbolik’ auf der einen und ‘modernem Kalkül’ auf der anderen Seite. Dagegen wird der umfassendere Zusammenhang von Ordnungsangeboten, Gebrauchsformen und Erfahrungsmodalitäten des numerus im Mittelalter entwickelt. Aus den Vorarbeiten ist ein weiterer Themenband zu den Grenzfällen von Bild, Schrift und Zahl hervorgegangen (Grenzfälle, 2004).

Das Projekt mündet einerseits in die Erforschung historischer Konzepte von Kommensurabilität und Inkommensurabilität, wie sie praxisgeschichtlich in der historischen Metrologie (Wedell 2010) und literaturgeschichtlich in der Poetik der Gabe greifbar sind (Liebesgaben, 2012). Andererseits führt die diskursive Semantik von zeln unmittelbar in die Frage nach den Bedingungen und Modalitäten historischen Erzählens.

 

Aktueller Forschungsschwerpunkt: Poetik der Genesis-Rezeption

Anthropologische Perspektiven: Raum, Bild, Gabe